Samstag, 3. Dezember 2016

Wieviel Globalisierung verträgt die Honigbiene?

Erdhummel mit den Krankheitssymptomen des Flügeldeformationsvirus 
(Bild: Cornel von Bebber Aktion Hummelschutz)
Am Beispiel der Bienen lässt sich exemplarisch zeigen, wie wir kollektiv dazu neigen, heraufziehende ökologische Katastrophen als Folge wirtschaftlichen Handelns zu ignorieren und zu verdrängen. Mit einer ungesteuerten Globalisierung riskieren wir nicht nur die Verletzung menschenwürdiger Arbeits- und Produktionsstandards. Globalisierung birgt auch massive Gefahren für unsere ökologischen Lebensgrundlagen.


In der Natur gelten andere Gesetze als in der Weltwirtschaft der neoliberalen Globalisierer. Nicht der Markt bestimmt hier das Geschehen sondern die Gesetze der Evolution und der Anpassung alles Lebendigen an die vorgefundenen Verhältnisse. Wir Menschen übersehen allzu gern, dass kleinste Verschiebungen in komplexen vernetzten Ökosystemen oft unübersehbare Folgen haben. Bereits eine invasive Art kann in der Natur verheerende Folgen für ganze Ökosysteme haben.

Die Einschleppung der fernöstlichen Varroamilbe ist da nur das bekannteste Beispiel für verheerende Globalisierungsfolgen im Bienenstaat. Deren ursprünglicher Wirt war die Östliche Honigbiene (Apis cerana). Bei dieser Art werden ausschließlich Drohnenlarven befallen. Die weiblichen Arbeiterinnen bleiben dagegen unbedroht. Die bienengefährliche Milbenart war bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts auf das tropische Ostasien beschränkt. Ausgerechnet deutsche Forscher brachten den gefährlichen Bienenparasiten als blinden Passagier nach Europa, weil sie Zuchtexperimente mit asiatischen Honigbienen der Gattung Apis Cerana machen wollten. Mittlerweile hat sich die Milbe unausrottbar über ganz Europa ausgebreitet und macht Bienen und Imkern das Leben schwer.  

Parallel zur Verbereitung des Parasiten steigt  auch die Verbreitung des Krüppelflügelvirus DWV (Deformed Wing Virus), wobei die Milbe als deren Überträger gilt.  Das Bienenvirus verändert das Erbgut (RNA) der heranwachsenden Bienenbrut und führt zu Verwachsungen an den Flügeln. Schlüpfende Bienen  weisen eine Verkürzung des Hinterleibs, Verfärbungen und die namensgebenden Flügel-Verstümmelungen auf. Neben den körperlichen Symptomen haben infizierte Tiere eine geringe Lebenserwartung und erweisen sich als unfähig, die ihnen von der Evolution zugeordneten Tätigkeiten im Makrokosmos Bienenstock zu erledigen.

Varroa Destruktor ist für die meisten Wildbienen keine direkte Gefahr. Ihr Lebenszyklus ist ausschließlich mit dem Brutzyklus der Honigbienen perfekt synchronisiert, und das schützt die Wildbienen vor einem direkten Befall der Plagegeister. Doch das bedeutet noch lange keine Entwarnung für die Wildbienenbestände. Die rasante Verbreitung des Krüppelflügelvirus ist fatal genug für die betroffenen Bienenkolonien, noch fataler aber ist die Wirkung dieser Bienenviren auf die nahen Verwandten der Honigbienen. Denn anders als seine Überträger bleiben die Insektenviren nicht auf die Bienenstöcke begrenzt, sondern sie infizieren auch andere Insekten.

Betroffen sind Hummel-Arbeiterinnen, die sich bereits beim Blütenbeflug an den hochinfektiösen RNA-Viren anstecken können, und so sind ganze Kolonien von Wildbienen in ihrem Bestand bedroht.  

Neuere Forschungen lassen befürchten, dass die Invasion einer zweiten Bienenmilbenart aus Fernost kurz bevorsteht. Forscher haben festgestellt, dass einige Stämme der Milbenart Varroa Jacobsonii, die bislang nur in Papua Neuguinea vorkommt, sich an die europäische Honigbiene als neuen Wirt angepasst haben und sich nun auch auf ihr vermehren können. Aus Genvergleichen und Beobachtungsdaten geht hervor, dass diese neuen Stämme den Sprung auf den neuen Wirt innerhalb des letzten Jahrzehnts geschafft haben. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die nächste Bienenplage Europa erreichen wird.

Ähnlich verhält es sich mit der Bienendurchfallkrankheit Nosemose. Schon immer gab es diese Krankheit auch bei europäischen Honigbienen. Der Erreger, Nosema apis, ein Micropilz, war ursprünglich nur auf die Honigbiene beschränkt. Er galt als “gutartiger” Parasit, mit dem unsere Bienenvölker seit jeher zurecht kamen. Der Pilz war “ubiquitär”, was heißt, dass er in fast jedem Bienenvolk nachweisbar war. Vor allem geschwächte Völker wurden von ihm befallen. Doch 2005 wurde erstmals der hochansteckende und eingeschleppte Erreger Nosema cerana bei spanischen Bienen nachgewiesen. Dieser hochinfektiöse Darmpilz der "östlichen Honigbiene", der inzwischen seinen europäischen Mikrosporenverwandten völlig verdrängt hat, kann unter Bienenvölkern für verheerende Epidemien sorgen kann.

Auch diesmal sind es nicht nur die Honigbienen, die betroffen sind. Eine Studie der Uni Jena [1] bestätigt, was man schon seit 2006 wusste: Unter wilden Bienen und Nutzbienenvölkern grassieren dieselben Erreger. Infizierte Honigbienen können auf besuchten Blüten Spuren der Krankheit, etwa eine Pilzspore oder einen Viruspartikel, hinterlassen, die dann Wildbienen infizieren und umgekehrt.  

Solche Virusinfektionen und Pilzerreger sind schon in von Imkern kontrollierten Bienenständen schwer zu bekämpfen. Betroffenen Wildbienen dagegen kann man kaum helfen. Die einzige Hoffnung, die bleibt, sind möglicherweise entstehende krankheitstolerante und resistente Insektenstämme. Doch eine solche “evolutionäre” Anpassung wäre keine kurzfristig denkbare Lösung für ein globales bienenspezifisches Problem.

Im Globalisierungszeitalter bedrohen nicht nur Milben und die Bienenfeinde aus dem Mikrokosmos der Viren, Bakterien und Sporen unsere Nutzinsekten . Unter Wissenschaftlern, die sich mit den Auswirkungen der weltweiten Warenhandelsströme auf die heimischen Bestäuber beschäftigen, kursiert der Spruch: "“Many thought that Varroa was the last great threat to world apiculture but then Aethina came to dinner"  ("Viele haben gedacht, dass Varroa die letzte große Bedrohung der weltweiten Imkerei darstellt, doch dann kam Aethina zum Mittagessen").

Was wie ein exotischer Mädchenname klingt, bezeichnet  einen nur fünf bis sechs Millimeter langen, subtropischen Minikäfer, der in den Stöcken afrikanischer Honigbienen südlich der Sahara zu Hause war. Als Globalisierungsfolger hat er die natürliche geografische Wüstenbarriere längst überschritten und seinen Siegeszug um die Welt angetreten. In Europa ist er bereits bis nach Süditalien vorgedrungen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er auch nördlich der Alpen sein Zerstörungswerk beginnen wird. Hauptgrund für die Einschleppung des Kleinen Beutenkäfers sind auch hier Importe von Bienen, Hummeln, und der weltweite Handel mit Imkereiprodukten.
In Italien hat der kleine Beutenkäfer bereits Fuß gefasst
http://www.izsvenezie.com/aethina-tumida-in-italy/ 

Während die Afrikanischen Bienen mit dem Kleinen Beutenkäfer, Aethina tumida, in ihren Klimazonen zurecht kommen, haben ihre europäischen Schwestern  keine evolutionäre Waffe oder Strategie, mit der sie das zerstörerische Werk des Stockparasiten bekämpfen können. Gegen den vermehrungswütigen kleinen Vielfraß haben unsere heimischen Bienenpopulationen keine Chance. Die parasitären Käfer fressen Honig, Pollen, tote Bienen und bevorzugt Brut. Sie können das Wabenwerk einer Bienenkolonie komplett zerstören. Und auch hier sind Wildbienen mitbedroht. "Es gibt Hinweise darauf, dass der Kleine Beutenkäfer auch Hummeln (Bombus spp.) und stachellose Bienen (Meliponini) als Wirte nutzen kann.", warnt der Deutsche Imkerbund.

Wenn man das Vermehrungsverhalten des Käfers betrachtet, stehen der Imkerei in Europa düstere Zeiten bevor.  Ein Käferweibchen legt in seiner Lebensspanne 1000 bis 2000 Eier aus denen sich 12 Millimeter lange Maden entwickeln. Als Wanderlarven verlassen die heranwachsenden Käfer bald den Bienenkasten oder das befallene Wabenmaterial und graben sich in einem Umkreis von ca. 1,80 m, im Extremfall bis zu 50 m, um den Kasten bis zu 50 cm tief in den Boden ein, wo sie sich verpuppen. Nach dem Schlüpfen suchen die reifen Käfer über Entfernungen von mehreren Kilometer hinweg neue Bienenvölker heim. Der vollständige Lebenszyklus des Schädlings dauert je nach Temperatur, Bodeneigenschaften (Feuchtigkeit) und Nahrungsangebot 3-12 Wochen. Die Hoffnung, dass die kalten Winter im nördlichen Europa der Verbreitung des tropischen Schädlings Grenzen setzen, ist vergeblich. Die ausgewachsenen Käfer überwintern unbehelligt in der Wärme der Bienentraube.

Eine potentielle Bienengefahr durch solche eingeschleppten Neozoen, Arten also, die hier nicht heimisch sind, lässt sich auch in der Ausbreitung der Asiatischen Hornisse (Vespa Velutina) erkennen. Erstmals wurde diese aus China stammende Wespenart 2004 in Bordeaux gesichtet. Vermutlich war es nur eine einzige Königin, die mit einer Lieferung von Tonwaren aus China nach Bordeaux eingeschleppt wurde. In wenigen Jahren hat sich die Asiatische Hornisse von dort über Frankreich, Teile Italiens und Spaniens ausgebreitet und Belgien erreicht.

Sie ist inzwischen auch in Deutschland angekommen. Bestätigte Beobachtungen im Jahr 2016 in Deutschland gab es vor allem aus dem Raum Heidelberg und Karlsruhe. Imker befürchten, dass die invasive Hornisse ganze Bienenvölker ausplündern und zerstören könnte. Arbeiterinnen der Asiatischen Hornisse schweben 30 Zentimeter nah vor dem Flugloch des Bienenstocks. Sie greifen hier heimkehrende Honig- und Pollensammlerinnen an, trennen ihnen Kopf, Beine, Flügel und Hinterleib ab und tragen sie zu ihrem  Nest, um die Larven zu füttern.

“Die Östliche Honigbiene (Apis cerana) rekrutiert zur Verteidigung gegen jagende Hornissen dreimal mehr Arbeiterinnen zur Verteidigung als A. mellifera. Die Arbeiterinnen fliegen das Flugloch zudem schneller und direkter an und geben den Beutegreifern auf diese Weise weniger Zeit zum Anvisieren. Zusätzlich irritieren die Wächter die am Flugloch schwebenden Jäger durch ein koordiniertes Abwehrverhalten mittels Flügelzittern („Wing-shivering“).” beschreibt die Bienenforscherin Melanie von Orlow die Abwehrstrategien asiatischer Honigbienen.

Solche evolutionären Verteidigungsmuster fehlen unseren heimischen Honigbienen. Die Asiatische Hornisse erbeutet hauptsächlich Honigbienen. Schreckensmeldungen, wonach die Existenz ganzer Bienenvölker dort bedroht seien, wo Vespa Velutina ihre großen Nester baut, sind wissenschaftlich nicht bestätigt. Der durchschnittliche Jagderfolg der Hornissenart an einem Volk von Apis cerana beträgt nur etwa zehn Bienen am Tag – Bei  Apis mellifera ist die Beute durchschnittlich sieben mal höher. Ein starkes Bienenvolk kann Verluste in dieser Größenordnung sicher wegstecken, doch angesichts der mittlerweile vielfältigen Stressoren, denen Bienenvölker im Zeitalter der Globalisierung ausgesetzt sind, warnen Imker mit Recht  vor zu großer Gelassenheit.

Gegen Angriffe heimischer Hornissen kann sich unsere Honigbiene behaupten, gegen invasive Arten besitzt apis mellifera jedoch kein geeignetes Verteidigungsrepertoire. Die eingewanderten Hornissen der Gattung Vespa Velutina in der Varietät “nigrithorax”  stammen alle von einer einzigen Königin ab, wie Genuntersuchungen gezeigt haben. Deshalb stellt sich hier auch die Frage, was passieren würde, wenn durch welchen Zufall auch immer, sich eine wesentlich aggressivere Hornissenart einbürgern würde.

Gegen Japanische Riesenhornissen etwa, hätten unsere europäischen Honigbienen keine Chance. Die bis zu 5 cm langen Insekten können in koordinierten Attacken auf Bienenkolonien diese innerhalb weniger Stunden vollständig vernichten. Japanische Honigbienen greifen bereits die Kundschafterinnen dieser “Killerhornissen” an, knäueln sie ein und töten den Goliath, indem sie im Innern ihrer Abwehrkugel bis zu 45° C Wärme erzeugen. Während die Bienen noch 48 bis 50 °C ertragen, stirbt die Riesenhornisse dabei den Hitzetod, bevor sie am Bienenstock Duftmarkierungen anbringen kann, die weitere Hornissen herbeilocken.

Bei einem Importvolumen von über 22 Milliarden Euro von Japan nach Deutschland kann man nicht ausschließen, dass auch einmal solche Arten nach Deutschland gelangt. Vielleicht ist der nächste Bienenfeind bereits mit einem Containerschiff unterwegs nach Europa.


Quellen:
[1] http://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&pm_id=2218

Informationen zum Kleinen Beutekäfer vom Deutschen Imkerbund

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