Mittwoch, 31. August 2016

Imkerträume hoch über dem Rheinland

Eine Ballonfahrt, die ist lustig. Gut gelaunte Menschen, herrliches Spätsommerwetter, das Gemeinschaftserlebnis beim Aufbauen und Abbauen des Heißluftballons. Schnell ist man beim freundlichen Du. In der Sicherheit des Korbs langsam auf etwa 1500 Meter aufzusteigen, mit etwa 15 Kilometern Stundengeschwindigkeit in absoluter Stille hoch über der Zülpicher Börde gemächlich von einem ruhigen, steten Ostwind nach Westen getrieben zu werden, erzeugt in mir ein grandioses und euphorisches Gefühl. Vom Ballonkorb aus weitet sich allmählich der Blick über das Rheinland von Koblenz bis weit über Köln hinaus.

Abgehoben wird vom Leichtflughafen Weilerswist, südwestlich von Köln. Die Windfahne zeigt uns, dass wir nach Westen fahren werden. Die Abendthermik und die von fauchenden Gasbrennern erzeugte Heißluft lassen den gigantischen Ballon und seine Passagiere langsam in die Höhe steigen. In der Ferne erscheint im Nordosten die Großstadt Köln mit seinem Wahrzeichen, dem Dom. Im Westen der Metropole liegen die riesigen Kühltürme der Kohlekraftwerke im Braunkohleabbaugebiet Garzweiler. Mit Ihren leicht geneigten Wasserdampffahnen erinnern sie an kleine, weiße Pilze

In Fahrtrichtung erstrecken sich die Waldgebiete der Eifel, auf den Bergkämmen nimmt man die Windparks in der Schneifel nahe der belgischen Grenze wahr. Im Osten erhebt sich das Siebengebirge. Die Bonner Hochhaustürme erkennt man, weiter südlich markiert der Kühlturm des ausgedienten Atomkraftwerks in Mühlheim Kärlich das Neuwieder Becken mit dem dahinter liegenden Koblenz. Beim Hochsteigen taucht jetzt auch der Rhein als blaues Band hinter der Ville auf. Die Fernsicht ist bei dem klaren Spätsommerwetter überwältigend. Über unseren Köpfen ist nur der strahlend blaue, wolkenlose Himmel und der riesige, bunte Ballon mit seinen 35 Metern Durchmesser.

"Rechts unter uns, die alte Römerstraße!" ruft ein Passagier. Wie mit dem Lineal gezogen verläuft sie, eingefasst von einer Allee von Bäumen, schnurstracks auf das römische Colonia zu. Der Rufer, weist uns auf auffällige geometrische Strukturen in den Äckern unter uns hin. "Das könnten Fundamente aus alten Zeiten sein" meint er. Er gehe oft mit einem Metallsuchgerät über die abgeernteten Felder, erklärt er seinem Nachbarn.

Die Passagiere stellen Fragen an die Pilotin. Sie betreffen die Technik des Ballons, die Ausbildung der Pilotin, gefragt wird nach dem Unternehmen, dem Aufwand, der getrieben wird, uns hier in die Luft zu bringen. Geduldig erklärt Elise, auch sie will mit Vornamen und du angesprochen sein. Einer weist auf einen deutlich wahrnehmbaren braunen Streifen  hin, den man 1200 Meter über dem Erdboden deutlich erkennen kann.  "Wir haben eine typische Inversionswetterlage", erklärt Elise, " da sammelt sich der Dreck unter der kalten Luftschicht, die direkt über uns liegt." Dieser Satz kühlt dann auch meine Begeisterung für diesen fantastischen Höhenflug ab.

Richtig, nicht alles wird schön, nur weil man es aus der Ballonfahrerperspektive betrachtet, und nicht alles wird, von hier oben betrachtet "nichtig und klein". Die friedliche Ruhe hier oben und der großartige Panoramablick täuschen. Die grün braun gemusterte Patchworkdecke der riesigen Ackerflächen unter uns sieht hübsch aus. Doch als Imker sehe ich die Landschaft mit einer gehörigen Portion Wehmut.

"Hübsch hässlich habt ihr's hier." hätte ein Pater Braun den Bauern, die da unten ihrem Gewerbe nachgehen, von hier oben zugerufen und meine Gefühlslage damit zutreffend beschrieben. Unter unserem Bollonkorb liegt kein Bienenland. Für meine geflügelten Schützlinge wäre in dieser weiten Agrarfläche nicht viel zu holen. Auf den abgeernteten Flächen wuchsen bis vor ein paar Tagen oder Wochen Getreide, Raps oder Kohl. Die Rübenernte steht noch an. Eine Million Tonnen Knollen, wie wir Rheinländer die Pflanzen nennen, wurden im vergangenen Jahr hier geerntet, mehr als die Fabriken der Eifler Mittelstadt verarbeiten konnten. Der Überschuss landete in Biogasanlagen. Auf den braunen, frisch bestellten Feldern wird bald das Wintergetreide oder der Winterraps grün auflaufen.

Die Honigbienen bereiten sich jetzt auf die kalte Jahreszeit vor. Die heranwachsenden Winterbienen brauchen dringend auch Pollennahrung, aber in der Agrarfläche unter mir blüht aktuell gar nichts. Traditionelle Fruchtfolgen boten früher auch den Bienen noch ganzjährig genügend Nahrung. Das war einmal. Die fruchtbaren Lössböden um die Euskirchener Zuckerfabriken, über die unser Ballon ruhig hinwegschwebt, sind seit der Gründung der ersten Zuckerfabrik 1876 ein klassisches Rübenanbaugebiet. Die Zuckerrübe wird geerntet, bevor sie blüht. Das hier ist ein trauriges Hungerland für Honigbienen und ihre wilde Verwandtschaft. Raps ernährt Bienen nur im Frühjahr, Weizen bringt den Bienen überhaupt nichts. Mais bietet wenigstens im Frühjahr noch Pollennahrung, solange er nicht durch chemischen Pflanzenschutz vergiftet ist. Das rheinische Grundgesetz mit dem Prinzip "Mer muss och jönne könne!"(Man muss auch gönnen können) ist für Honigbienen und Naturräume in dieser Landschaft ausgesetzt.

Aber es gibt Hoffnungszeichen. Die Natur ist dabei, sich vereinzelte, aufgegebene Kiesgruben in dieser Agrarwüste zurückzuerobern. Beim Aufsteigen habe ich gesehen, dass Hecken, Büsche,  Kräuter und Gräser sich dort allmählich breit machen und als pflanzliche Pioniere diese Brachen renaturieren. Die gewaltigen Gruben des Tagebaus, die wir Menschen im Industriezeitalter in die Landschaft gerissen haben, sehen von hier oben wie heilende Wunden aus. Die Traktoren und Mähdrescher der Bauern können in diesen tiefen, terrassierten Mulden nicht eingesetzt werden, zum Glück. Hier werden sich bald schon Oasen für die Natur entwickeln, solange niemand auf die Idee kommt, sie als Motocrosspisten oder Badeseen für die Freizeitindustrie nutzbar zu machen.

Und noch etwas gibt Hoffnung: Die Siedlungen, die unter uns hinwegziehen. Und ich sehe den Wunschtraum der Bienen und Imker wahr werden: In den Dörfern und Städten Grünflächen mit Blumenwiesen und Blühsträuchern und wieder Nutzgärten, die zunehmend den Zierrasen verdrängen. In den Häusern wohnen bienenfreundliche Menschen, für die Wörter wie Unkräuter oder Ungräser nichts anderes als Unwörter sind, Menschen, die helfen, unsere Agrarwüsten zurückzuentwickeln zu lebenswerten Kulturlandschaften, in denen gesunde Nahrungsmittel für den regionalen Bedarf zu fairen Preisen für die Bauern angebaut werden. Die alleenbesäumten Straßen, an denen Kastanien und Linden wachsen, und  die blumenreichen Randstreifen der Feldwege vernetzen die Biotope in den aufgegebenen Kiesgruben. Blumenreiche Straßenrabatte, die erst wenn sie abgeblüht sind von der Straßenverwaltung gemäht werden, begleiten die Straßen, die diese Landschaft durchziehen und die Siedlungen und Menschen miteinander verbinden.

Hier würden sich dann auch Bienen wieder wohler fühlen. Das traditionelle Bündnis zwischen Landwirtschaft und Natur wäre zum Nutzen aller wieder hergestellt. Und ich bin davon überzeugt: Eine weitere Volksweisheit aus dem rheinischen Grundgesetz wird sich auch hier in dieser traurigen Agrarlandschaft durchsetzen: Et bliev nix wie et wor. (Nichts bleibt, wie es mal war)

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